Hand aufs Herz: Wenn wir über Kameradrohnen sprechen, fällt meistens erst mal ein Name: DJI. Aber nicht jeder hat Lust (oder das Budget), knapp 1.000 Euro für eine Mavic auf den Tisch zu legen, nur um mal am Wochenende ein paar Luftaufnahmen vom Familienausflug oder dem lokalen Baggersee zu machen. Hier kommt Xiaomi – ja, die mit den Handys – ins Spiel. Oder besser gesagt: Ihre Tochterfirma Fimi.

Die Fimi X8 SE wird oft als der „Preis-Leistungs-Killer“ gehandelt. Auf dem Papier klingen die Daten fast zu schön, um wahr zu sein: 4K-Kamera, 3-Achsen-Gimbal, theoretisch 5 Kilometer Reichweite und Flugzeiten, die an der 30-Minuten-Marke kratzen. Aber Papier ist geduldig, besonders bei chinesischen Datenblättern.

Ich habe mir den weißen Quadrocopter geschnappt und bin damit raus aufs Feld, um zu schauen, ob das Ding wirklich eine Alternative zum Marktführer ist oder ob man am Ende doch doppelt kauft. Spoiler: Es ist kompliziert, aber für viele Einsteiger genau das Richtige.

Der erste Eindruck: Kein Spielzeug

Als ich die Fimi X8 SE aus der Verpackung nahm, fiel mir sofort das Gewicht auf. Mit knapp 765 Gramm ist sie kein Leichtgewicht à la Mavic Mini, sondern spielt eher in der Liga der Mavic 2 Pro. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil sie satter in der Luft liegt (dazu gleich mehr). Schlecht, weil wir damit in Deutschland und der EU in eine andere Regulierungsklasse fallen.

Die Verarbeitung überrascht mich jedes Mal wieder positiv bei Xiaomi-Produkten. Das weiße Finish fühlt sich nicht nach billigem Hartplastik an, die Scharniere der Faltarme haben einen angenehmen Widerstand – da klappert nichts. Ein kleines Detail, das mich im Alltag aber wahnsinnig macht: Die Abdeckungen für die SD-Karte und USB-Ports sind extrem fummelig. Wenn man keine langen Fingernägel hat, braucht man fast eine Pinzette.

Die Kamera: Echtes 4K oder nur Marketing?

Kommen wir zum wichtigsten Punkt, denn wir wollen ja keine Rennen fliegen, sondern filmen. Die Kamera nutzt einen Sony IMX378 Sensor. Für die Tech-Nerds unter uns: Das ist ein 1/2.3 Zoll Sensor. Standard in dieser Klasse, aber keine Revolution.

Hier ist, was mir bei den Testaufnahmen aufgefallen ist:

  • Bei gutem Tageslicht liefert die Drohne wirklich ab. Die 4K bei 30fps sind knackscharf, die Farben wirken natürlich und nicht so überzogen bonbonbunt, wie man es manchmal von günstigeren Modellen kennt.
  • Der Dynamikumfang ist okay, aber nicht weltbewegend. Wenn ihr gegen die Sonne fliegt, saufen die Schatten schnell ab. Da hilft auch der HDR-Modus nur bedingt – er macht das Bild oft eher unnatürlich flach.
  • Ein echtes Highlight ist die Bitrate von 100 Mbps. Das bedeutet weniger Artefakte im Bild, wenn ihr schnell über einen Wald fliegt. Bei billigen Drohnen wird der Wald dann oft zu grünem Matsch; hier bleiben die Details erhalten.

Ich hatte bei meinem dritten Flug allerdings das berüchtigte „Horizon Tilt“-Problem. Wenn man eine schnelle Kurve fliegt und dann den Stick loslässt, braucht der Gimbal manchmal 2-3 Sekunden, um den Horizont wieder gerade zu ziehen. Das ruiniert im Zweifel die Aufnahme. Ein Firmware-Update hat das zwar verbessert, aber ganz weg ist es nicht.

Flugeigenschaften & Reichweite: Die 5km-Lüge

Lasst uns Tacheles reden über die Reichweite. Auf der Packung steht „5km“. Das bezieht sich aber auf den FCC-Modus, der in den USA erlaubt ist. Hier in Europa funken wir im CE-Standard mit deutlich weniger Sendeleistung.

In meinem Test auf freiem Feld (ländliche Gegend, wenig WLAN-Störung) kam ich auf etwa 1,2 bis 1,5 Kilometer, bis das Bild anfing zu ruckeln. In der Nähe von Wohngebieten war teilweise schon nach 500 Metern Schluss. Ist das schlimm? Eigentlich nicht, denn rein rechtlich dürft ihr in Deutschland ohnehin nur auf Sichtweite fliegen. Und spätestens nach 300 Metern ist die weiße Drohne vor hellem Himmel eh kaum noch zu erkennen. Also: Die Reichweite reicht für den legalen Flugbetrieb völlig aus, ignoriert einfach die Marketing-Zahlen.

Flugverhalten bei Wind

Hier spielt das oben genannte Gewicht seine Stärke aus. Wir hatten am Testtag Böen um die 25-30 km/h. Eine Mini-Drohne wäre hier schon längst abgetrieben. Die Fimi X8 SE kämpft zwar hörbar dagegen an (die Motoren surren dann aggressiver), aber das GPS-Positioning hält sie erstaunlich stabil an Ort und Stelle. Für Einsteiger ist das ein enormer Sicherheitsfaktor.

Die App und Smart Features

Die App heißt „Fimi Navi“ und erinnert – naja, sagen wir mal „sehr stark“ – an die DJI Go 4 App. Wer schon mal eine Drohne geflogen ist, findet sich sofort zurecht. Wer neu ist, wird von den Menüs auch nicht erschlagen.

Was mir Spaß gemacht hat, sind die intelligenten Flugmodi. Meistens funktionieren die bei günstigeren Drohnen eher schlecht als recht, aber hier war ich überrascht:

  • Der Smart Track Modus (Verfolgung) hat mich erstaunlich gut behalten, als ich über die Wiese gelaufen bin. Er hat drei Modi: Trace, Profile und Lock. Profile (seitliches Mitfliegen) sieht cinematisch aus, ist aber ohne Sensoren zur seitlichen Hinderniserkennung extrem gefährlich. Bitte nur auf komplett freiem Feld nutzen! Ich habe fast mal eine Drohne in einem Baum „geparkt“, weil ich das vergessen hatte.
  • Der SAR Modus (Search and Rescue) ist ein interessantes Gimmick. Die Drohne hat einen 3x digitalen Zoom. Die Qualität leidet dann zwar massiv, aber um mal zu schauen, ob der Hund im hohen Gras sitzt, reicht es allemal.
  • Waypoints lassen sich programmieren, was für wiederholbare Shots genial ist. Man setzt Punkte auf der Karte und die Drohne fliegt die Strecke ab. Funktioniert solide.

Wichtiger Hinweis: Rechtliches und EU-Regulierung

Das hier ist der Part, den viele beim Kauf übersehen, der aber später teuer werden kann. Da die Xiaomi Fimi X8 SE deutlich über 250 Gramm wiegt (nämlich ca. 765g), fällt sie nicht in die unkomplizierte A1-Kategorie für Bestandsdrohnen (bzw. Übergangsregelungen).

Was bedeutet das konkret für euch in Deutschland?

  • Ihr braucht zwingend einen EU-Kompetenznachweis (den „kleinen Drohnenführerschein“). Den könnt ihr online beim LBA machen, das ist kein Hexenwerk.
  • Es besteht Versicherungspflicht. Ohne spezielle Drohnen-Haftpflicht darf kein Propeller drehen. Checkt eure Privathaftpflicht, manche haben das mittlerweile inklusive, aber verlasst euch nicht blind drauf.
  • Die Drohne muss mit eurer e-ID (Registrierungsnummer beim LBA) gekennzeichnet sein. Ein feuerfestes Plättchen ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben, aber ein Aufkleber muss drauf.

Wenn ihr die Drohne in Wohngebieten fliegen wollt, wird es aufgrund des Gewichts und der fehlenden C-Zertifizierung (bei älteren Modellen) schwierig mit den Abstandsregeln. Haltet euch von Menschenansammlungen fern – das sollte aber eigentlich der gesunde Menschenverstand schon gebieten.

Controller und Handling

Der Controller ist… anders. Er zieht sich in die Breite wie eine Nintendo Switch. Man klemmt das Smartphone (oder sogar kleine Tablets wie ein iPad Mini) in die Mitte. Mich hat das Design überzeugt, weil das Display so schön zentral ist und die Hände weiter auseinanderliegen, was eine präzisere Steuerung ermöglicht.

Was nervt: Die Joysticks sind abnehmbar (für den Transport), aber es gibt im Controller kein wirkliches Fach, um sie sicher zu verstauen, außer man steckt sie in dafür vorgesehene Mulden, wo sie aber leicht rausfallen können, wenn man nicht aufpasst. Ich hab schon mal zehn Minuten lang im hohen Gras nach einem Stick gesucht. Kein Spaß.

Fazit: Kaufen oder lassen?

Die Xiaomi Fimi X8 SE ist für mich der Beweis, dass man für ordentliche 4K-Aufnahmen keinen Kredit aufnehmen muss. Sie bietet 90% der Leistung einer doppelt so teuren Drohne.

Sie ist perfekt für euch, wenn:

  • Ihr ein begrenztes Budget habt, aber auf 4K und RAW-Fotos nicht verzichten wollt.
  • Euch die Robustheit und Windstabilität wichtiger ist als das letzte Gramm Gewichtsersparnis.
  • Ihr bereit seid, kleinere Software-Macken zu verzeihen (wie den schiefen Horizont ab und zu).

Lasst die Finger davon, wenn:

  • Ihr absolut null Lust auf Bürokratie habt (dann kauft euch eine Sub-250g Drohne wie die Mini SE).
  • Ihr professionelle Videoproduktionen macht – dafür ist der Sensor bei wenig Licht einfach zu schwach und der Gimbal nicht perfekt genug.

Für den Hobby-Piloten, der im Urlaub tolle Landschaften einfangen will, ist die Fimi X8 SE nach wie vor einer meiner Favoriten im Preis-Leistungs-Segment. Sie ist nicht perfekt, aber sie hat Charakter und liefert ab, wenn es drauf ankommt.