Hand aufs Herz: Wenn wir über Drohnen sprechen, denken 90% der Leute sofort an DJI. Die Mavic-Serie ist das Maß aller Dinge, klar. Aber was ist, wenn du nicht mal eben 500 oder 800 Euro in den Sand setzen willst, nur um herauszufinden, ob das Hobby überhaupt was für dich ist? Genau hier grätscht JJRC mit der X8 rein.
Ich habe mir diesen Quadrocopter mal genauer angesehen. Nicht im Labor unter sterilen Bedingungen, sondern draußen auf dem Acker, wo der Wind pfeift und das GPS manchmal Zicken macht. Um es vorwegzunehmen: Die JJRC X8 ist ein seltsames Biest. Irgendwo zwischen „Wow, brushless Motoren für den Preis?“ und „Warum zur Hölle ist die App so unübersichtlich?“.
Wenn du gerade erst anfängst und dich auf unserer Kaufberatung für Einsteiger umsiehst, wirst du oft über Modelle stolpern, die sich verdächtig ähnlich sehen. Die JJRC X8 ist im Grunde ein Zwilling der MJX Bugs 4 W. Das ist nichts Schlechtes – MJX baut solide Hardware – aber es lohnt sich, das im Hinterkopf zu behalten, falls du Ersatzteile suchst.
Auspacken und erster „Plastik-Check“
Wenn du die Box aufmachst, riecht es erst mal nach… nun ja, frischer Elektronik aus Fernost. Das Gehäuse der X8 kommt in diesem matten Schwarz daher. Es wirkt nicht billig, aber wir sind hier auch nicht in der Premium-Liga. Was mir sofort positiv auffiel: Die Arme klappen satt ein und aus. Da wackelt nichts.
Ein Detail, das Anfänger oft übersehen, aber extrem wichtig ist: Die Motoren. Die JJRC X8 setzt auf Brushless-Motoren. Falls dir das nichts sagt: Die meisten Spielzeugdrohnen unter 100 Euro haben „Brushed“ Motoren (Bürstenmotoren), die irgendwann durchbrennen und weniger Power haben. Brushless ist der Goldstandard. Dass wir das hier in dieser Preisklasse kriegen, ist der erste dicke Pluspunkt. Das bedeutet nämlich, dass die Drohne nicht beim ersten Windstoß in Nachbars Hecke abdriftet.
In der Packung lag bei mir:
- Die Drohne selbst (logisch).
- Eine Fernbedienung mit einem kleinen OLED-Screen (sehr nützlich für Telemetrie-Daten, wenn das Handy mal spinnt).
- Ein Akku (LiPo, proprietäres Format, also nix mit Standard-Zellen).
- Ladegerät und Ersatzpropeller.
Kleiner Tipp aus der Praxis: Bestell dir direkt einen zweiten oder dritten Akku. Die angeblichen 20 Minuten Flugzeit sind Marketing-Wunschdenken. Dazu gleich mehr.
Flugverhalten: Stabil oder Zitterpartie?
Bevor es in die Luft geht, musst du den typischen „Kalibrierungs-Tanz“ aufführen. Drohne drehen, bis die Lichter aufhören zu blinken. Das GPS-Modul in der X8 hat bei meinem Test auf einem offenen Feld im Frankfurter Umland etwa eine Minute gebraucht, um genug Satelliten zu finden. Das ist okay, aber Geduld brauchst du.
Einmal in der Luft, zeigt sich der Vorteil der GPS-Stabilisierung. Du kannst die Steuerknüppel loslassen, und das Ding steht wie angenagelt in der Luft. Naja, fast. Ein leichtes Driften in einem Radius von vielleicht einem halben Meter ist normal in dieser Preisklasse. Aber für einen Anfänger ist das Gold wert. Du hast Panik? Knüppel loslassen, durchatmen.
Was mich wirklich überrascht hat, ist die Agilität. Schaltest du das GPS aus (nur für Fortgeschrittene zu empfehlen, sonst wird’s teuer!), flitzt die X8 ganz schön flott durch die Gegend. Die Motoren haben genug Bums, um auch gegen leichten Wind anzukommen.
Der RTH-Test (Return to Home)
Ich teste das immer mit klopfendem Herzen. Ich habe die Drohne etwa 150 Meter weit weg geflogen und dann den „Return to Home“-Knopf gedrückt. Das ist das Sicherheitsnetz, das wir Piloten brauchen. Die X8 stieg brav auf die voreingestellte Sicherheitshöhe (damit sie nicht in Bäume kracht) und kam zurück zum Startpunkt.
Aber Vorsicht: Die Landung war etwa zwei Meter neben dem eigentlichen Startpunkt. Das ist im Toleranzbereich von Consumer-GPS, aber wenn du neben einem Fluss startest, könnte das ins Auge gehen. Verlass dich also nicht blind drauf.
Die Kamera: 4K oder Mogelpackung?
Hier müssen wir Tacheles reden. Auf der Verpackung und in den Shops steht oft riesig „4K“. Vergiss das. Ja, vielleicht speichert sie Bilder mit so vielen Pixeln, aber das Video ist meistens interpoliert oder einfach nicht scharf genug, um als echtes 4K durchzugehen.
Realistisch betrachtet bekommst du hier brauchbares Material, um mal dein Haus von oben zu filmen oder ein bisschen Landschaft einzufangen. Aber:
- Die Kamera hat nur eine 1-Achsen-Gimbal-Stabilisierung (mechanisch) und ein bisschen elektronische Hilfe. Das Bild ist also deutlich ruhiger als bei Billig-Drohnen, aber du wirst immer noch Wackler sehen, wenn du abrupt bremst oder im Wind fliegst.
- Der „Jello-Effekt“ (Wackelpudding im Bild) hält sich in Grenzen, ist aber bei starkem Sonnenlicht manchmal sichtbar.
- Die Übertragung aufs Handy läuft über 5G WiFi. Achtung: Dein Smartphone muss den 802.11ac Standard (oft als 5G WiFi bezeichnet) unterstützen, sonst siehst du kein Bild. Das hat nichts mit dem 5G-Mobilfunknetz zu tun!
Wenn dein Ziel atemberaubende Cinematic-Shots für YouTube sind, spar lieber auf eine gebrauchte DJI Mini. Wenn du einfach nur Spaß haben und sehen willst, was in der Nachbarschaft so los ist (im legalen Rahmen natürlich!), reicht die Kamera der JJRC X8 völlig aus.
App und Features
Die App… nun ja. Sie funktioniert, aber Designer-Preise gewinnt sie nicht. Die Verbindung war bei mir stabil bis etwa 200 Meter Distanz. Danach fing das Bild an zu ruckeln. Da wir in Deutschland per Gesetz sowieso nur auf Sichtweite fliegen dürfen (siehe dazu auch unseren Artikel zu den aktuellen Drohnen-Gesetzen und Flugzonen), ist die Reichweite völlig ausreichend.
Ein paar nützliche Spielereien sind an Bord:
- Follow Me: Funktioniert über das GPS-Signal deines Handys. Die Drohne folgt dir, wenn du läufst. Hat bei mir geklappt, aber sie reagiert etwas verzögert. Nicht zum Mountainbiken benutzen, da knallt sie dir in den nächsten Ast.
- Orbit Mode: Die Drohne kreist um einen Punkt. Das sieht auf Videos tatsächlich ziemlich cool aus und funktioniert erstaunlich zuverlässig.
- Waypoints: Du kannst Punkte auf der Karte tippen, die abgeflogen werden. Ist nett, hab ich aber nach dem ersten Mal nie wieder benutzt.
Akku und Flugzeit: Die nackte Wahrheit
Der Hersteller verspricht oft 20 Minuten. In meiner Realität, bei etwa 10 Grad Außentemperatur und leichtem Wind, landete die Drohne meistens nach 15 bis 16 Minuten. Und Achtung: Sobald der Akku schwach wird, nervt dich die Fernbedienung mit einem Dauerpiepen.
Das Laden dauert ewig. Wir reden hier von mehreren Stunden für einen Akku mit dem mitgelieferten USB-Lader. Deshalb meine dringende Empfehlung von vorhin: Kauf dir das „Fly More“ Paket oder wie auch immer das bei deinem Händler heißt, wo mehr Akkus dabei sind. Mit nur einem Akku macht das Hobby keinen Spaß. Du fährst ja nicht 20 Minuten zum Feld, fliegst 15 Minuten und fährst wieder heim.
Gesetzeslage: Darf ich die einfach so fliegen?
Die JJRC X8 wiegt über 250 Gramm (meist so um die 400-500g startbereit, je nach Ausstattung). Das ist eine magische Grenze.
- Du brauchst in der EU mittlerweile eine Registrierung als Drohnen-Betreiber (die e-ID muss auf die Drohne geklebt werden).
- Du benötigst zwingend eine Drohnen-Haftpflichtversicherung. Die normale Privathaftpflicht deckt das fast nie ab, außer du hast einen sehr neuen Premium-Tarif. Check das unbedingt vorher!
- Für Drohnen dieser Gewichtsklasse ist in der Regel auch der „kleine Drohnenführerschein“ (EU-Kompetenznachweis A1/A3) notwendig. Keine Panik, den kann man online machen, aber du darfst ihn nicht ignorieren.
Fazit: Kaufen oder lassen?
Die JJRC X8 ist so etwas wie der VW Golf unter den China-Drohnen. Nicht besonders aufregend, nicht das allerschnellste Modell, aber sie bringt dich sicher von A nach B und bietet verdammt viel Technik für einen schmalen Taler.
Für wen ist sie also?
Wenn du blutiger Anfänger bist und Angst hast, direkt 500 Euro zu crashen, ist die X8 perfekt. Sie hat GPS (Sicherheit), Brushless-Motoren (Langlebigkeit) und eine Kamera, die gut genug ist, um dich anzufixen. Sie verzeiht Fehler. Ich habe sie einmal versehentlich etwas unsanft im hohen Gras gelandet – Propeller abgewischt, weitergeflogen. Das Ding ist robust.
Erwarte keine Wunder bei der Videoqualität und stell dich auf eine etwas hakelige App ein. Aber für den Preis? Definitiv eine der besseren Optionen auf dem Markt, um in die Welt der Quadrocopter einzusteigen, ohne gleich einen Kredit aufnehmen zu müssen.