Wer bei Amazon „Drohne“ in die Suchleiste tippt, kommt an einem Namen nicht vorbei: Holy Stone. Manchmal habe ich das Gefühl, die Marke ist allgegenwärtig. Sie dominiert die Bestseller-Listen, hat oft tausende (teils sehr euphorische) Bewertungen und suggeriert dem Einsteiger: „Hey, hier kriegst du Profi-Technik für einen Bruchteil des Preises einer DJI.“
Aber ist das so? Ich fliege seit Jahren alles, was Rotoren hat – von der zittrigen Hubsan X4 damals bis zur aktuellen DJI Mavic 3. Und ich hatte auch diverse Holy Stone Modelle auf meinem Tisch und in der Luft. Um es direkt vorwegzunehmen: Es ist eine Hassliebe.
Holy Stone ist keine klassische Modellbau-Marke mit jahrzehntelanger Tradition. Es ist im Grunde ein chinesischer Reseller, der Technik neu verpackt und mit einem extrem aggressiven Marketing (und Kundenservice) in den Markt drückt. Das muss nicht schlecht sein. Für viele ist eine HS720 der erste Kontakt zur Fliegerei. Doch man muss genau wissen, worauf man sich einlässt, bevor man 200 oder 300 Euro „Lehrgeld“ bezahlt. Schauen wir uns die beliebtesten Modelle und die echte Realität dahinter an.
Der „Flaggschiff“-Versuch: Holy Stone HS720 und HS720E
Wenn wir über ernstzunehmende Drohnen von Holy Stone reden, landen wir eigentlich immer bei der 720er-Serie. Die HS720 sollte ganz offensichtlich die Antwort auf die DJI Mavic sein. Klappbar, graues Design, bürstenlose Motoren. Und ehrlich gesagt: Wenn man sie auspackt, fühlt sie sich gar nicht so billig an. Das Plastik ist fest, das Scharnier der Arme klackt satt ein.
Der größte Unterschied zwischen der normalen HS720 und der „E“-Version ist die Kamera-Stabilisierung. Die normale 720 hat zwar 4K auf dem Papier, aber ohne elektronische Bildstabilisierung (X-EIS) verwackelt das Bild schon, wenn die Drohne nur leicht gegen den Wind kämpft. Die HS720E (das E steht für Electronic Image Stabilization) bügelt dieses Zittern digital weg. Das funktioniert okay, erwartet aber keine Kino-Qualität. Es ist eher dieser typische „Action-Cam-Look“ von vor fünf Jahren.
Flugverhalten in der Praxis
Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer schon mal eine moderne DJI Drohne geflogen hat, ist verwöhnt. Die stehen in der Luft wie angenagelt. Die HS720… nun ja, sie „schwimmt“ etwas mehr. Das GPS hält die Position, aber in einem Radius von etwa einem halben bis einem Meter. Das ist für Landschaftsaufnahmen okay, aber fliegt damit bitte nicht zu nah an Bäume ran.
Ein Punkt, der mich bei Holy Stone immer wieder nervt, ist die Reichweite. Die Verbindung läuft bei diesen Modellen meist über verstärktes WLAN (5 GHz). Auf der Packung stehen dann gerne mal 800 oder 900 Meter. In der deutschen Realität – mit all den Störsignalen durch Handymasten und Heim-WLANs – war bei mir oft schon nach 150 bis 200 Metern Schluss. Das Bild auf dem Handy ruckelt, friert ein oder wird schwarz. Die Drohne kommt zwar dank „Return to Home“ (RTH) zurück, aber der Spaßfaktor leidet massiv.
Der Dinosaurier: Holy Stone HS100
Es gibt Dinge, die sollten eigentlich im Museum stehen, werden aber immer noch verkauft. Die HS100 gehört dazu. Ich sehe sie immer noch oft bei Einsteigern, weil sie groß und wuchtig aussieht. „Viel Drohne fürs Geld“, denken viele.
Leider ist das ein Trugschluss. Die HS100 nutzt veraltete Technik, vor allem bei den Motoren. Es sind sogenannte „Brushed Motors“ (Bürstenmotoren). Die Nachteile habe ich am eigenen Leib erfahren:
- Diese Motoren sind Verschleißteile. Nach einigen Flugstunden nutzen sich die Kohlebürsten innen ab, und man muss den ganzen Motor tauschen. Macht heute kein Mensch mehr gerne.
- Die Lautstärke ist enorm. Das Ding klingt wie ein wütender Schwarm Hornissen, was in Parks oder Wohngebieten sofort für böse Blicke sorgt.
- Die Akkulaufzeit ist im Vergleich zum Gewicht lächerlich gering, oft real nur unter 12 Minuten, bis der Alarm losgeht.
Ganz ehrlich: Wenn ihr die HS100 nicht gerade gebraucht für 30 Euro vom Nachbarn kriegt, lasst die Finger davon. Sie ist technologisch in etwa auf dem Stand von 2015.
Die Sache mit dem Gewicht und dem Gesetz
Das ist der vielleicht wichtigste Punkt, den die Amazon-Beschreibung gerne verschweigt. Wir leben in Deutschland und der EU nicht im wilden Westen. Unsere Ratgeber zur EU-Drohnenverordnung sind voll mit Details, aber für Holy Stone Besitzer gibt es eine böse Falle: das Gewicht.
Moderne Einsteiger-Drohnen (wie die DJI Mini Serie) sind so gebaut, dass sie exakt unter 249 Gramm wiegen. Damit darf man fast überall fliegen, auch in Wohngebieten (natürlich mit Privatsphäre-Abstand), und man braucht „nur“ die Versicherung und Registrierung.
Die Holy Stone HS720E wiegt fast 500 Gramm (genau genommen oft um die 490g). Die alte HS100 wiegt sogar über 700 Gramm. Was heißt das konkret?
- Ihr braucht zwingend den kleinen Drohnenführerschein (Kompetenznachweis A1/A3) für alles über 250g, wenn es keine reine Spielzeug-Klassifizierung hat.
- Da die meisten Holy Stones als „Bestandsdrohnen“ ohne C-Klassifizierung gelten, rutschen schwere Modelle (>500g) in die Kategorie A3. Das bedeutet: 150 Meter Abstand zu Wohngebieten, Gewerbegebieten und Erholungsflächen.
- Das disqualifiziert eine HS100 faktisch für den Gartenflug. Ihr müsst damit aufs freie Feld.
Die HS720E hat Glück – da sie unter 500 Gramm bleibt, fällt sie auch als Bestandsdrohne noch in eine Übergangsregelung (A1), darf also näher an Menschen heran. Aber man merkt: Man muss hier wirklich das Kleingedruckte lesen und die Waage rausholen.
Alternativen: Was kriege ich sonst fürs Geld?
Holy Stone punktet über den Preis. Eine HS720E kriegt man oft im Angebot für rund 250 bis 280 Euro, manchmal inklusive zwei Akkus und Koffer. Das klingt verlockend.
Aber der Markt hat sich gewandelt. Die Modelle von Hubsan oder vor allem die Einstiegsdrohnen von DJI sind im Preis gefallen. Wenn ich heute 300 Euro in der Tasche habe, würde ich fast immer zur DJI Mini 2 SE oder der neueren Mini 4K greifen.
Warum? Hier ein direkter Vergleich aus der Praxis:
Die Bildübertragung bei DJI (OcuSync oder deren sehr gutes Wifi) ist eine andere Welt. Wo die Holy Stone bei 200 Metern „Ameisenkrieg“ auf dem Display zeigt, fliege ich mit der kleinen DJI noch zwei Kilometer weit mit kristallklarem Bild (nicht, dass man das dürfte – Sichtfluggebot! – aber die Signalstabilität ist Sicherheit). Dazu kommt der Gimbal. Holy Stone nutzt fast nur elektronische Stabilisierung. Ein echter mechanischer 3-Achsen-Gimbal, wie bei der Konkurrenz, liefert butterweiche Aufnahmen, selbst wenn die Drohne im Wind kämpft.
Auch die App-Qualität ist ein Faktor. Bei Holy Stone (die App heißt oft „Ophelia GO“ oder ähnlich) stürzt die Anwendung bei Android-Updates gerne mal ab oder verbindet sich nicht. Das Forum ist voll mit Leuten, die erst den Flugmodus rein- und rausmachen müssen, damit sich Drohne und Handy finden. Das nervt am Feld einfach.
Gibt es trotzdem Gründe für Holy Stone?
Ja, die gibt es. Der Support ist legendär kulant. Ist ein Motor defekt? Oft schicken sie einfach eine komplett neue Drohne, ohne Fragen zu stellen. Wer Angst hat, seine erste Drohne in den Baum zu setzen, fliegt mit einer 150-Euro-Holy-Stone (wie der HS175D) vielleicht entspannter als mit einem teureren Markengerät. Es tut finanziell weniger weh.
Mein Fazit als Pilot
Holy Stone Drohnen sind okay für das, was sie sind: Spielzeuge mit Ambitionen. Sie sind der „Zwischenschritt“ vom reinen Wohnzimmer-Hubschrauber hin zur echten Kameras-Drohne. Wer einfach nur mal gucken will, ob ihm das Fliegen Spaß macht, und wem Bildqualität nicht so wichtig ist wie der reine Flugspaß, der kann mit einer HS720E durchaus glücklich werden – vorausgesetzt, der Preis stimmt (kauft sie niemals zur UVP, wartet auf die „Coupons“ bei Amazon).
Wer aber vorhat, schöne Urlaubsvideos zu machen, die man sich auch auf dem Fernseher gerne ansieht, oder wer keine Lust hat, sich ständig mit Versicherungsfragen und Abstandsregeln für schwerere Drohnen herumzuschlagen, der sollte lieber noch einen Monat sparen und ins Regal der etablierten Marken greifen. Wer einmal einen echten 3-Achsen-Gimbal geflogen ist, will nie wieder zurück zur digitalen „Wackel-Korrektur“.