Hand aufs Herz: Wenn man „Drohne für unter 100 Euro“ hört, denkt man meistens an diese nervösen Plastikmücken aus dem Supermarkt, die beim ersten Windstoß im Nachbarsgarten verschwinden oder deren Motoren nach drei Flügen den Geist aufgeben. Ich war da genauso skeptisch. Dann landete die Ryze Tello auf meinem Schreibtisch.

Lange Zeit herrschte Verwirrung: Ist das nun eine DJI-Drohne oder nicht? Um das gleich mal zu klären: Gebaut wird sie von Ryze Tech, aber unter der Haube werkelt Technik von DJI (Flugcontroller) und Intel (Prozessor). Es ist quasi das uneheliche, aber sehr gelungene Kind der Tech-Giganten. Ich habe die Tello jetzt seit Monaten im Rucksack – ja, sie passt wirklich einfach so rein – und habe sie durch Wohnzimmer, Parks und verlassene Lagerhallen gejagt. Ob sie wirklich die perfekte Einstiegsdrohne ist oder doch nur ein überteuertes Spielzeug, schauen wir uns jetzt mal ganz genau an.

Der erste Eindruck: Kleiner als ein Smartphone

Als ich die Packung aufgemacht habe, dachte ich kurz: „Huch, fehlt da was?“ Die Tello ist winzig. Mit ihren 80 Gramm wiegt sie weniger als mein Smartphone und fast so wenig wie eine Tafel Schokolade. Die Verarbeitung ist typisch DJI-Qualität – auch wenn Ryze draufsteht. Das Plastik wirkt nicht billig, es knarzt nichts. Anders als bei der DJI Mini-Serie lassen sich die Arme hier nicht einklappen. Das macht aber nichts, weil das Teil ohnehin so kompakt ist, dass es kaum Platz wegnimmt.

Was mir allerdings sofort aufgefallen ist und mich bis heute minimal nervt: Der Akku wird direkt in der Drohne via Micro-USB geladen. Wenn man fliegen will, während der zweite Akku lädt, braucht man zwingend ein externes Ladegerät (Charging Hub). Hier spart Ryze, bzw. man wird sanft zum Zubehörkauf gedrängt.

Flugverhalten: Warum sie „wie angenagelt“ steht

Kommen wir zum wichtigsten Punkt, der die Tello von jedem China-Clone für 50 Euro unterscheidet. Normalerweise gilt bei billigen Drohnen: Man kämpft ständig gegen die Drift. Man muss permanent korrigieren, damit das Ding nicht gegen die Wand klatscht.

Die Tello hat kein GPS. Normalerweise ist das ein Todesurteil für die Stabilität im Außenbereich. Aber hier kommt das „Vision Positioning System“ (VPS) ins Spiel. Kameras und Infrarotsensoren an der Unterseite scannen den Boden wie eine optische Maus ihren Untergrund. Das Ergebnis ist verblüffend. Sie lassen die Steuerknüppel los, und die Drohne bleibt einfach in der Luft stehen. Quasi wie festgetackert.

Aber Vorsicht, das System hat seine Tücken, die man kennen muss:

  • Das VPS braucht Licht und Kontrast. Wenn Sie versuchen, in der Dämmerung oder über einem unbeleuchteten Parkplatz zu schweben, fängt die Tello an zu „schwimmen“.
  • Wasser ist der Endgegner. Da sich die Oberfläche von Wasser ständig bewegt und spiegelt, kommen die Sensoren durcheinander. Ich habe schon gesehen, wie eine Tello deswegen unfreiwillig baden ging.
  • Spiegelnde Fliesen oder extrem einfarbige Teppiche können die Sensoren ebenfalls verwirren, wenn auch seltener.

Draußen zeigt sich dann schnell der größte Feind der 80 Gramm: Wind. Selbst eine leichte Brise, die Sie kaum im Gesicht spüren, bringt die Motoren an ihre Grenzen. Die Elektronik kämpft zwar tapfer dagegen an, aber irgendwann treibt sie ab. Das ist keine Drohne für den Nordseeurlaub am Strand, sondern für den windstillen Abend im Park oder eben Indoor.

Kameraqualität: Instagram ja, Kino nein

Machen wir uns nichts vor. Wir reden hier über einen 1/2.3 Zoll Sensor, der 5 Megapixel Fotos und 720p Video liefert. Es gibt keinen mechanischen Gimbal (diese Ausgleichsarmen, die bei teuren Drohnen wackelfreie Bilder garantieren). Stattdessen nutzt die Tello eine digitale Bildstabilisierung (EIS).

Die elektronische Stabilisierung arbeitet erstaunlich gut, solange man ruhig fliegt. Das Bild wird digital beschnitten und „ruhig gerechnet“. Die Fotos sind bei gutem Licht absolut brauchbar für Social Media. Sie sind scharf, die Farben passen. Sobald die Sonne weg ist, wird es aber schnell „matschig“ – das Rauschen nimmt stark zu.

Das Problem mit der Videoübertragung

Hier ist ein technisches Detail, das viele Einsteiger übersehen: Die Tello speichert Fotos und Videos nicht auf einer SD-Karte in der Drohne (weil es keinen Slot gibt!), sondern streamt alles live per WLAN auf Ihr Handy.

Das bedeutet in der Praxis:

  • Wenn die WLAN-Verbindung kurz hakt, haben Sie Ruckler oder Artefakte (Klötzchenbildung) direkt im aufgenommenen Video.
  • Die Reichweite ist begrenzt. Ryze und DJI geben bis zu 100 Meter an. Vergessen Sie das. In der Stadt, wo zig WLAN-Netzwerke funken, ist oft nach 30 bis 50 Metern Schluss mit flüssigem Bild.
  • Qualitätseinbußen sind unvermeidbar, weil das Bild komprimiert übertragen wird.

Es gibt zwar Apps von Drittanbietern (wie „TelloFPV“), die versuchen, die Bitrate hochzuhalten, aber das physikalische Limit bleibt die WLAN-Verbindung.

Steuerung: Warum Sie einen Controller brauchen

Standardmäßig steuert man die Tello über virtuelle Joysticks auf dem Handy-Display. Ich sag’s ganz direkt: Ich hasse das. Man hat kein haptisches Feedback, rutscht mit dem Daumen ab und guckt mehr auf die Finger als auf die Drohne.

Mein dringender Rat jedem Drohnen-Einsteiger: Kaufen Sie sich den GameSir T1d Controller dazu. Der verbindet sich per Bluetooth mit dem Handy (nicht direkt mit der Drohne!) und gibt Ihnen echte Steuerknüppel. Das Fluggefühl ändert sich komplett. Plötzlich können Sie feinfühlige Kurven fliegen und präzise landen. Ohne Controller fühlt es sich an wie ein Mobile-Game, mit Controller wie ein echtes Fluggerät.

Features und „Tricks“

Ryze hat ein paar Spielereien eingebaut, die „Filmmoves“ simulieren sollen. Es gibt den „8D Flips“ Modus (Salto in der Luft) oder „Up & Away“ (die Drohne fliegt rückwärts hoch und filmt Sie dabei). Das ist beim ersten Mal witzig, beim dritten Mal hat man es gesehen.

Spannender finde ich den „Throw & Go“ Modus: Man wirft die Drohne einfach sanft in die Luft, die Motoren springen an, und sie stabilisiert sich sofort. Das funktioniert zuverlässig und beeindruckt Zuschauer immer wieder.

Programmieren mit Scratch

Ein unterschätztes Feature ist die Schnittstelle für Scratch. Das ist eine visuelle Programmiersprache vom MIT. Man kann der Tello quasi Befehlsblöcke zusammenbasteln: „Starte, fliege 2 Meter hoch, mache einen Salto, fliege im Kreis, lande“. Für Kinder (oder verspielte Erwachsene) ist das ein genialer Einstieg in die Logik des Programmierens. Wir haben das mal in einer Turnhalle getestet und einen ganzen Hindernisparcours autonom abfliegen lassen – hat überraschend gut geklappt.

Rechtliches: Ein Riesen-Vorteil

In Deutschland ist das Drohnenrecht kompliziert geworden, gerade durch die EU-Drohnenverordnung. Hier spielt die Tello ihren größten Trumpf aus.

Da sie unter 250 Gramm wiegt, haben Sie deutlich weniger Kopfschmerzen:

  • Sie brauchen keinen Drohnenführerschein (Kompetenznachweis).
  • Sie dürfen näher an unbeteiligte Personen heranfliegen als mit großen Drohnen (natürlich nicht absichtlich gefährden!).
  • Die Registrierungspflicht als Drohnen-Betreiber besteht trotzdem, da die Tello eine Kamera hat! Das vergessen viele. Sie müssen sich beim Luftfahrtbundesamt registrieren und Ihre e-ID auf der Drohne anbringen.

Und ganz wichtig: Auch für eine 80-Gramm-Drohne gilt in Deutschland die Versicherungspflicht. Eine simple Privathaftpflicht reicht oft nicht, es sei denn, Drohnen sind explizit eingeschlossen. Prüfen Sie das unbedingt vor dem ersten Start.

Fazit: Kaufen oder nicht?

Die Ryze Tello ist keine „Billig-DJI“. Sie ist eine eigene Klasse. Wenn Sie kinoreife 4K-Aufnahmen von Landschaften machen wollen, werden Sie hier enttäuscht sein – da müssen Sie tiefer in die Tasche greifen.

Aber wenn Sie einfach nur fliegen lernen wollen, Spaß im Park haben möchten oder ein technisches Gadget suchen, das sicher und robust ist, dann ist die Tello konkurrenzlos. Es gibt derzeit keine andere Drohne in dieser Preisklasse, die so stabil in der Luft steht. Sie verzeiht Pilotenfehler, die bei einer Mavic Hunderte Euro kosten würden.

Mein Tipp: Holen Sie sich das „Boost Combo“ Paket mit drei Akkus (denn 13 Minuten Flugzeit pro Akku sind schnell vorbei) und besorgen Sie sich den Controller. Dann haben Sie das perfekte Setup für den Einstieg.