Hand aufs Herz: Wer sich die erste Drohne kauft – sei es damals eine einfache Hubsan oder heute eine hochgezüchtete DJI Mavic 3 – der träumt nicht nur von sonnigen Landschaftsaufnahmen. Irgendwann kommt dieser Moment, wo man die Stadt bei Nacht, die Lichter des Verkehrs oder einfach den Mondschein einfangen will. Früher war das in Deutschland ein bürokratischer Albtraum. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten vor 2021: Wer nachts fliegen wollte, brauchte eine spezielle Aufstiegserlaubnis der Landesluftfahrtbehörde. Das hieß: Formulare ausfüllen, Gebühren zahlen, warten. Und meistens wurde es für Hobby-Piloten eh abgelehnt.

Die gute Nachricht vorweg: Diese Zeiten sind vorbei.

Seit der EU-Drohnenverordnung hat sich das Blatt gewendet. Aber – und das ist ein riesiges „Aber“ – es ist nicht so einfach wie „Drohne an und los“. Wer nachts fliegt, bewegt sich buchstäblich und rechtlich in einer Grauzone, wenn er die Ausrüstung nicht anpasst. Lass uns mal Tacheles reden, was wirklich erlaubt ist und wo die Fallen lauern.

Der rechtliche „Gamechanger“: Was seit 2021 gilt

Früher war der Nachtflug pauschal verboten, es sei denn, man hatte besagte Genehmigung. Mit der Harmonisierung der EU-Regeln (die wir hier auf Drohnen-einsteiger.de ja schon oft bis ins kleinste Detail zerpflückt haben) ist das generelle Nachtflugverbot gefallen. Das gilt für die „Offene Kategorie“ (Open Category), in der wir uns als private Piloten zu 99% bewegen.

Das bedeutet im Klartext: Du darfst nachts fliegen. Ohne extra Antrag. Ohne Anruf beim Tower (in den meisten Fällen).

Doch der Gesetzgeber hat eine technische Hürde eingebaut, die viele Einsteiger übersehen oder schlichtweg ignorieren, bis das Ordnungsamt vor der Tür steht. Die Regelung verlangt, dass die Drohne während des Fluges bei Nacht gut erkennbar sein muss. Und nein, die kleinen roten LEDs an den Armen deiner Xiaomi Fimi oder die Status-LED am Hintern deiner DJI Mini reichen dafür oft nicht aus.

Das grüne Blinklicht: Dein Ticket in die Dunkelheit

Die Vorschrift fordert ein spezifisches grünes Blinklicht, damit man dein Fluggerät von einem bemannten Luftfahrzeug (wie einem tief fliegenden Rettungshubschrauber) unterscheiden kann. In der Luftfahrt bedeutet grünes Blinken oft „hier ist ein unbemanntes System“.

Viele moderne Drohnen, die bereits eine C-Klassifizierung haben (wie die neuere DJI Mini 4 Pro oder die Mavic 3 Serie), haben dieses grüne Licht oft schon ab Werk integriert oder man kann die Bodenbeleuchtung entsprechend konfigurieren. Bei älteren Modellen – und da denke ich an die vielen Phantoms oder älteren Mavics, die noch in deutschen Schränken liegen – fehlt das.

Wenn deine Drohne von Haus aus nicht grün blinkt, musst du nachrüsten. Und hier bitte aufpassen:

  • Kleb dir keine 2-Euro-Fahrradlampe mit Tesa an den Rumpf. Das Gewicht verändert den Schwerpunkt, und wenn sich das Klebeband durch die Motorhitze löst, hast du ein Geschoss, das unkontrolliert abstürzt.
  • Es gibt professionelle „Strobe Lights“ (z.B. Lume Cube oder günstige China-Alternativen), die extrem hell sind und per Klettverschluss sicher halten.
  • Das Licht muss von unten gut sichtbar sein, damit du die Orientierung behältst.

Sichtflug (VLOS) bei Nacht: Die optische Täuschung

Das Gesetz schreibt „Visual Line of Sight“ (VLOS) vor. Du musst die Drohne sehen können. Klingt logisch, ist aber nachts verdammt schwierig. Ich war mal mit einer DJI Air 2S draußen auf einem Feld, stockfinster. Sobald das Ding 50 Meter weg war und ich auf den Bildschirm geschaut habe, war die Orientierung im echten Leben weg.

Deine Augen brauchen Zeit, um sich von dem hellen Display der Fernsteuerung an die Dunkelheit zu gewöhnen. Wenn du auf das Display starrst und dann hoch in den schwarzen Himmel schaust, siehst du erst mal: Nichts. Gar nichts.

Das grüne Blinklicht hilft dir nicht nur rechtlich, sondern ist deine Lebensversicherung, um zu wissen, wo vorne und hinten ist. Dreht sich die Drohne, und du siehst nur noch Rot statt Grün (oder umgekehrt, je nach Montage), weißt du sofort, wie sie ausgerichtet ist. Ohne diese Orientierungshilfe endet der Nachtflug schnell im nächsten Baum, weil die Hindernisserkennung bei Dunkelheit quasi blind ist.

Warum deine Sensoren nachts nutzlos sind

Das ist ein Punkt, den viele Hersteller im Marketing gerne verschweigen. Wir lesen oft von „omnidirektionaler Hinderniserkennung“. Das klingt super. Das funktioniert aber fast ausschließlich über optische Kamerasensoren.

Bei Nacht sehen diese Kameras nur Schwarz. Das bedeutet:

  • Deine Drohne bremst nicht automatisch vor der Hauswand.
  • Das „Vision Positioning System“ (das die Drohne stabil auf der Stelle hält, wenn kein GPS da ist) fällt aus. Die Drohne kann anfangen zu driften.
  • Die automatische Rückkehr (Return to Home) wird riskanter, weil die Landezone optisch nicht abgeglichen werden kann.

Wenn du also eine Drohne für Anfänger suchst, die auch nachts sicher ist, verlass dich nicht auf die Sensoren. Du musst fliegen können – manuell und präzise. Wer sich nur auf die Automatik verlässt, wird nachts Bruchlandung erleiden.

Fotografieren bei Dunkelheit: Technik-Tipps aus der Praxis

Kommen wir zum spaßigen Teil. Rechtlich bist du safe (grünes Licht ist dran), du stehst auf einem freien Feld (keine Wohngrundstücke, Datenschutz beachten!). Wie kriegst du jetzt Bilder, die nicht aussehen wie Rauschen aus den 90ern?

Ich habe viel mit verschiedenen Sensorgrößen experimentiert. Der Unterschied zwischen einem 1/2.3 Zoll Sensor (wie in vielen Einsteiger-Drohnen) und einem 4/3 Zoll Sensor (Mavic 3) ist nachts brutal.

ISO ist dein Feind

Bei Tageslicht ist alles einfach. Nachts dreht die Automatik den ISO-Wert hoch, um das Bild hell zu machen. Das Ergebnis ist Bildrauschen, diese hässlichen krieseligen Punkte. Mein Tipp: Begrenze den ISO-Wert manuell auf maximal 400 oder 800. Alles darüber ist bei kleinen Drohnensensoren meist unbrauchbar.

Lange Belichtung braucht Windstille

Um bei niedrigem ISO helle Bilder zu bekommen, musst du die Belichtungszeit verlängern. 1 Sekunde, 2 Sekunden, manchmal sogar 4 Sekunden. Die Gimbals moderner Quadrocopter sind Wunderwerke der Technik – sie halten die Kamera erstaunlich ruhig. Aber es gibt physikalische Grenzen. Wenn es oben windig ist, wird eine 2-Sekunden-Belichtung unscharf.

Mach immer 3-4 Fotos vom gleichen Motiv hintereinander. Oft ist eines dabei, das knackscharf ist, während die anderen durch Mikro-Wackler ruiniert wurden.

Besondere No-Go Areas bei Nacht

Auch wenn der Nachtflug unter Einhaltung der Regeln erlaubt ist, bleiben die Flugverbotszonen bestehen – und manche sind nachts noch kritischer.

Naturschutzgebiete sind tabu. Tiere reagieren nachts viel empfindlicher auf das Surren der Motoren und die Lichter. Lärm breitet sich nachts, wenn die Umgebungsgeräusche fehlen, subjektiv viel weiter aus. Du willst nicht derjenige sein, der das ganze Dorf weckt, nur weil du eine Langzeitbelichtung vom Kirchturm machen wolltest.

Zudem ist das Überfliegen von Wohngrundstücken – ein Thema, das wir in unserem Bereich Drohnen Recht & Gesetz oft diskutieren – nachts besonders heikel. Ein helles, blinkendes Flugobjekt über dem Garten wird von Anwohnern viel schneller als „Spionage“ oder Bedrohung wahrgenommen als eine kleine Drohne am helllichten Tag.

Fazit: Machbar, aber mit Respekt

Nachtflüge sind faszinierend. Die Perspektive auf beleuchtete Straßen, das Spiel von Schatten und Licht – das wertet jedes Portfolio auf. Dank der EU-Verordnung müssen wir keine Anträge mehr schreiben, was eine riesige Erleichterung ist.

Aber die technische Verantwortung liegt jetzt bei dir. Besorg dir das grüne Blinklicht (es kostet keine 20 Euro), schalte die Hindernissensoren im Kopf aus und fliege vorsichtiger als am Tag. Die Dunkelheit verzeiht keine Fehler.