Seien wir doch mal ehrlich: Wenn man heute auf einer Wiese steht und jemanden eine Drohne auspacken sieht, ist die Chance groß, dass es eine DJI ist. Grau, faltbar, fliegt fast von allein. Aber es gab eine Zeit – und es gibt immer noch Nischen –, da war der französische Hersteller Parrot nicht nur ein Konkurrent, sondern in manchen technischen Belangen sogar der Innovator, der den Takt vorgegeben hat.
Ich erinnere mich noch gut, als ich das erste Mal die Parrot Anafi in der Hand hielt. Es fühlte sich… anders an. Weniger wie ein glatter Roboter aus Shenzhen, mehr wie ein Insekt. Sie war der erste echte Versuch, die Marktdominanz der DJI Mavic-Serie zu brechen, ohne einfach nur eine Kopie zu sein. Und dann haben wir noch die guten alten Bebop-Modelle, die vielen von uns den Einstieg überhaupt erst ermöglicht haben, als Gimbal-Systeme noch so teuer waren wie ein gebrauchter Kleinwagen.
Auf Drohnen-einsteiger.de schauen wir uns heute an, ob diese französischen Vögel noch relevant sind, für wen sich der Griff zur Anafi lohnt und warum die Bebop zwar Geschichte, aber eine verdammt wichtige Geschichte ist.
Die Parrot Anafi im Realitätscheck: Mehr als nur „die andere Drohne“
Als die Anafi rauskam, stürzten sich alle Reviewer auf ein Feature: die Kamera, die um 180 Grad schwenkbar ist. Klingt auf dem Papier nach „ganz nett“, aber in der Praxis ändert das alles, wenn man kreativ filmen will. Ich habe damit Aufnahmen unter Brücken gemacht, bei denen die Kamera senkrecht nach oben schaut – ein Winkel, den keine Mavic hinbekommt, weil da einfach der Drohnenkörper im Weg ist.
Aber packen wir das Marketing beiseite. Wie fliegt sie sich wirklich?
Das Erste, was auffällt, ist das Geräusch. Während DJI-Drohnen oft dieses hochfrequente Surren haben (besonders die älteren Air-Modelle), klingt die Anafi tiefer, irgendwie brummiger und damit für das menschliche Ohr weniger nervig. Wenn du in der Nähe von Spaziergängern fliegst – natürlich immer mit Abstand –, wirst du merken, dass die Akzeptanz höher ist, wenn das Gerät nicht wie ein wütender Wespenschwarm klingt.
Der Zoom-Faktor
Ein Feature, das ich wirklich oft vermisse, wenn ich zu anderen Modellen wechsle, ist der verlustfreie Zoom. Bei 4K ist es nicht viel, aber wenn man in 1080p filmt, kann man bis zu 2,8-fach ranzoomen, ohne dass das Bild zerfällt. Warum ist das wichtig? Sicherheit.
- Du musst nicht gefährlich nah an dein Objekt fliegen, um eine Detailaufnahme zu bekommen.
- Tiere werden nicht verschreckt. Ich habe einmal ein Rehkitz am Waldrand gefilmt (mit Teleobjektiv-Zoom), ohne dass es überhaupt gemerkt hat, dass eine Drohne in 50 Metern Entfernung schwebte.
- Für Inspektionszwecke – mal kurz schauen, ob die Dachrinne verstopft ist – ist das Gold wert. Man muss nicht direkt an die Ziegel ranfliegen und einen Absturz riskieren.
Die Software: Segen und Fluch
Parrot nutzt die FreeFlight 6 App. Hier scheiden sich die Geister. Ich persönlich mag sie, weil sie weniger überladen wirkt als die DJI Fly App, aber sie hat ihre Tücken. Die Verbindung zwischen Controller (Skycontroller 3) und Handy war bei meinen Tests meist stabil, aber der Aufbau wirkt immer etwas fummeliger als bei der Konkurrenz. Lobenswert ist aber das Fehlen von strengen „No-Fly-Zones“ direkt in der Software.
Versteht mich nicht falsch: Ihr müsst euch an die Gesetze halten. Aber bei DJI passiert es oft, dass man eine Genehmigung hat, die Drohne aber trotzdem nicht abhebt, weil die Datenbank nicht aktuell ist. Bei Parrot bist du der Pilot. Du entscheidest. Du trägst die volle Verantwortung. Für Profis ist das oft der Kaufgrund Nummer eins.
Ein Blick zurück: Die Parrot Bebop 2
Wenn wir über Parrot reden, dürfen wir die Bebop nicht vergessen. Man sieht sie heute kaum noch neu (und wenn, dann zu Mondpreisen als Restposten), aber auf dem Gebrauchtmarkt ist sie für extrem schmale Budgets manchmal noch ein Thema. Die Bebop 2 hat etwas Radikales gemacht: Sie hatte keinen mechanischen Gimbal.
Stattdessen war die Linse fest verbaut (Fisheye), und die Software hat das Bild digital stabilisiert. Damals haben wir alle geschrien: „Das kann doch nicht gut aussehen!“ Aber es funktionierte. Das Bild war stabil wie auf Schienen.
Das Problem aus heutiger Sicht ist die Bildqualität. Da ein riesiger Teil des Sensors nur für die Stabilisierung weggeschnitten wird („Cropping“), bleibt von der Auflösung nicht viel Brillanz übrig. Wer heute Drohnenvideos auf einem 4K-Fernseher zeigen will, wird mit einer alten Bebop nicht glücklich. Aber als unverwüstliches Übungsgerät für den Sohnemann? Warum nicht. Das Ding ist gebaut wie ein Panzer.
Vergleich: Parrot Anafi vs. DJI Mini & Air Serie
Hier wird es spannend. Viele fragen mich: „Soll ich mir eine gebrauchte Anafi holen oder eine neue DJI Mini?“ Die Antwort hängt komplett davon ab, was du vorhast.
Die Gewichtsklasse ist entscheidend.
Die Anafi wiegt ca. 320 Gramm. Damit fällt sie leider aus der magischen „unter 250 Gramm“-Grenze, die in der EU-Drohnenverordnung so viele Freiheiten gewährt. Für die Anafi braucht man inzwischen den kleinen Drohnenführerschein (EU-Kompetenznachweis A1/A3), wenn man sie legal in der Kategorie A1 (nahe Menschen) betreiben will – und selbst dann ist es komplizierter als mit einer DJI Mini 3 oder 4 Pro.
Bildqualität und Look.
DJI-Aufnahmen sind oft knackscharf und farblich gesättigt, fertig für Instagram. Parrot liefert ein „flacheres“, in meinen Augen filmischeres Bild (besonders im HDR-Modus), das aber Nachbearbeitung braucht. Wer keine Lust auf Color Grading am PC hat, wird das Bild der Anafi vielleicht als etwas leblos empfinden. Wer aber gerne bastelt, holt aus den Schatten der Anafi-Bilder erstaunlich viel raus.
Verarbeitung.
Hier muss ich kritisch sein. Die Anafi fühlt sich, wenn man sie anfasst, ein bisschen nach Plastikspielzeug an. Das Material ist leicht, ja, aber es wirkt fragiler als das dichte Polycarbonat einer DJI. Bei einem meiner ersten Flüge ist mir beim Akkuwechsel fast der kleine Haken abgebrochen. Man muss mit der Französin zärtlicher umgehen.
Für wen lohnt sich Parrot heute noch?
Der Markt hat sich konsolidiert. Parrot hat sich fast vollständig aus dem Consumer-Markt zurückgezogen und konzentriert sich mit der „Anafi USA“ oder der „Anafi AI“ auf Behörden, Militär und industrielle Inspektionen. Das bedeutet, wir reden hier primär über Restbestände oder den Gebrauchtmarkt (oder die sehr teuren Enterprise-Versionen).
Greift zur Parrot Anafi, wenn:
- Das Budget für Kamera-Equipment begrenzt ist, ihr aber Funktionen wie Dolly-Zoom oder 180-Grad-Gimbal wirklich braucht.
- Ihr absolut allergisch gegen Geofencing-Zwang seid und eigenverantwortlich fliegen wollt, ohne dass die Software euch bevormundet.
- Ihr eine Drohne sucht, die extrem schnell einsatzbereit ist. Das Faltsystem der Anafi (lang und dünn) passt in jede Trinkflaschenhalterung am Rucksack. Das habe ich auf Wanderungen immer geliebt.
Vermeidet die Parrot-Modelle, wenn:
- Ihr einfach nur „Draufhalten und Losfliegen“ wollt, mit maximalen Sicherheitsfeatures wie Hinderniserkennung in alle Richtungen. Da sind die modernen Modelle der Konkurrenz, die wir in unseren Vergleichstests haben, einfach meilenweit voraus. Die normale Anafi hat keine Sensoren an den Seiten oder hinten – wer rückwärts fliegt, muss wissen, was er tut.
- Ihr keine Lust auf die bürokratischen Hürden der >250g Klasse habt.
Fazit aus der Praxis
Es ist ein bisschen schade, dass Parrot im Regal für Hobby-Piloten kaum noch zu finden ist. Die Anafi war ihrer Zeit in manchen Dingen voraus – USB-C Ladung direkt am Akku (lange bevor DJI das machte), HDR-Video als Standard und dieser geniale Gimbal.
Wenn ich heute meine Ausrüstung für einen Job packe, nehme ich meistens eine Mavic mit. Aber wenn ich in die Berge gehe, privat, und ich weiß, ich will diese eine, spezielle Aufnahme senkrecht die Felswand hoch machen? Dann krame ich die graue Filztasche mit der Anafi raus. Sie ist eine Diva, ja. Aber sie hat Charakter.