Der Erstflug: Schritt-für-Schritt Anleitung zum Drohne fliegen

Veröffentlicht in: Uncategorized | 0

Erinnert ihr euch an das Gefühl, als ihr das erste Mal Fahrrad gefahren seid? Oben drauf der Stolz, unten drunter die bloße Angst, gleich im Gebüsch zu landen. So ähnlich ist der erste Drohnenflug. Nur dass euer Fahrrad keine 500 oder 1000 Euro gekostet hat und bei einem Fehler nicht aus 50 Metern Höhe wie ein Stein vom Himmel fällt.

Ich weiß genau, wie es in den Fingern kribbelt. Der Karton ist offen, das Plastik riecht noch neu (bester Geruch der Welt, oder?), und man will sofort raus und cineastische Meisterwerke drehen. Aber hier ist die harte Wahrheit, die ich auf Drohnen-einsteiger.de immer wieder predige: Wer den Start überstürzt, sammelt seine Drohne in Einzelteilen wieder ein.

Lassen wir die ganze Theorie mal kurz beiseite. Ja, ihr braucht in Deutschland eine Versicherung und je nach Drohne einen Führerschein (Kompetenznachweis A1/A3). Das setze ich jetzt voraus. Wenn ihr das noch nicht habt, kümmert euch drum. Hier geht es jetzt rein um die Praxis: Wie bekommt ihr den Vogel in die Luft und sicher wieder runter, ohne dass ihr einen Herzinfarkt bekommt?

Der größte Fehler passiert noch zu Hause

Ich kann euch gar nicht sagen, wie oft ich E-Mails von Einsteigern bekomme, die ihre erste Drohne im Wohnzimmer gegen den Fernseher gesetzt haben. „Ich wollte nur kurz schauen, ob sie angeht.“

Tut das nicht. Drohnen verlassen sich drinnen oft auf optische Sensoren, weil sie kein GPS haben. Teppichmuster oder schlechtes Licht verwirren diese Sensoren, und zack – die Drohne driftet seitlich weg. Der erste Start gehört nach draußen.

Bevor ihr überhaupt die Schuhe anzieht, gibt es aber ein paar Dinge, die ihr in Ruhe auf dem Sofa erledigen müsst. Und glaubt mir, das spart euch draußen auf dem Acker eine Menge Frust:

  • Ladet alles auf 100%. Und damit meine ich nicht nur den Flugakku. Der Controller braucht Saft, und euer Smartphone auch. Nichts ist peinlicher, als den Erstflug abzubrechen, weil das Handy ausgeht, das als Bildschirm dient.
  • Macht alle Updates im WLAN. Das ist fast das Wichtigste. DJI, Autel und Co. zwingen euch beim ersten Start oft zu einem Firmware-Update. Wenn ihr das über mobiles Datenvolumen auf dem Feld machen müsst, steht ihr da 20 Minuten rum, friert, und der Akku der Drohne (die dabei an sein muss) ist halb leer, bevor ihr überhaupt abgehoben seid.
  • Die Sache mit der Speicherkarte. Checkt den Slot. Ist die Karte drin? Habt ihr sie formatiert? Ich stand schon so oft an traumhaften Locations und hatte die MicroSD noch im Kartenleser am Laptop stecken.

Die Platzwahl: Warum der eigene Garten oft Mist ist

Der Reflex ist da: „Ich geh einfach kurz hinter das Haus in den Garten.“ Schlechte Idee. Gärten sind eng, voller Hindernisse (Wäscheleinen sind der Endgegner von Propellern, man sieht sie auf dem Bildschirm quasi nicht) und oft von Häusern umzingelt, die das GPS-Signal abschirmen.

Sucht euch für den Erstflug eine hässliche, langweilige, flache Wiese. Keine Bäume, kein Wasser, keine Stromleitungen und idealerweise auch keine Zuschauer. Zuschauer machen nervös. „Na, wie hoch kann die denn?“ – solche Fragen wollt ihr beim Erstflug nicht beantworten müssen, während ihr krampfhaft versucht, Steuerknüppel und Drohnenorientierung zu koordinieren.

Ein kurzer Blick in die Droniq-App (oder was immer ihr für die Luftraumprüfung nutzt) ist Pflicht. Seid ihr in einer roten Zone? In der Nähe eines Flughafens? Dann fahrt woanders hin.

Der „Tanz“ und die Vorbereitung vor Ort

Okay, ihr seid auf der Wiese. Drohne ausklappen. Propellerschutz abnehmen (Gimbal Cover). Viele vergessen das kleine Plastikteil, das die Kamera hält. Wenn ihr die Drohne damit einschaltet, überhitzen die kleinen Motoren am Gimbal, weil sie versuchen, sich gegen den Widerstand zu bewegen.

Dann kommt oft der sogenannte „Drohnentanz“ – die Kompass-Kalibrierung. Die App fordert euch dazu auf, wenn sie magnetische Interferenzen spürt oder ihr weit von eurem letzten Standort entfernt seid.

  • Dreht euch mit der Drohne waagerecht um die eigene Achse, bis die LED grün blinkt oder die App meckert. Ja, das sieht für Außenstehende bescheuert aus.
  • Dann Nase der Drohne nach unten und nochmal drehen.
  • Macht das nicht direkt neben eurem Auto oder auf einem Kanaldeckel. Das viele Metall verfälscht den Kompass sofort wieder. Sucht euch ein Stück Wiese.

Wartet auf GPS. Das ist kein Witz. Startet nicht, solange die App „ATTI Mode“ oder „Nur optische Positionierung“ anzeigt. Ihr wollt den „GPS“ oder „P-Mode“. Das bedeutet, die Drohne weiß, wo sie ist. Wenn ihr die Knüppel loslasst, bleibt sie wie angenagelt in der Luft stehen. Ohne GPS weht der Wind sie einfach weg und ihr müsst manuell gegensteuern. Das überfordert am Anfang jeden.

Abheben: Die ersten Meter

Die meisten modernen Drohnen (DJI Mini, Air, Mavic) starten im Mode 2. Das ist der Standard.

  • Linker Stick: Hoch/Runter und Drehen (Nase nach links/rechts).
  • Rechter Stick: Vorwärts/Rückwärts und Seitwärts fliegen (Rollen).

Schiebt beide Sticks nach innen unten (oder nutzt den Auto-Start-Button in der App), um die Motoren zu starten. Dann gebt mit dem linken Stick Gas. Zögert nicht. Wenn ihr zu langsam Gas gebt, kann die Drohne kippen, wenn das Gras etwas höher ist. Zieht sie zügig auf ca. 2 bis 3 Meter Höhe.

Jetzt: Finger weg von den Knüppeln!

Das ist der wichtigste Test. Schwebt die Drohne stabil? Hält sie die Position? Wenn sie anfängt, wilde Kreise zu drehen (Toilet-Bowl-Effect), stimmt was mit dem Kompass nicht. Sofort landen. Wenn sie steht wie eine Eins: Durchatmen. Genießt den Anblick. Das Ding fliegt!

Die Übungen für den ersten Akku

Verballert den ersten Akku nicht damit, so weit oder hoch wie möglich zu fliegen. Das bringt euch fliegerisch nichts. Trainiert das Muskelgedächtnis.

1. Das Quadrat

Fliegt mit der Rückseite der Drohne zu euch (Heck zeigt zu euch). Fliegt ein paar Meter vor, dann rechts, dann zurück, dann links. Ein einfaches Viereck. Das ist easy, weil „Rechts“ auf dem Stick auch wirklich „Rechts“ für die Drohne ist.

2. Die Orientierungsfalle

Jetzt dreht die Drohne um 180 Grad, sodass die Nase (und die Kamera) zu euch zeigt. Das ist der Moment, wo das Gehirn Knoten macht. Wenn ihr jetzt den rechten Stick nach „Rechts“ drückt, fliegt die Drohne von euch aus gesehen nach links.

Übt das in geringer Höhe und Entfernung. Ein Tipp aus der Praxis: Wenn die Drohne auf euch zukommt und ihr ausweichen wollt, bewegt den Stick in die Richtung, wo das Hindernis auf dem Bildschirm ist, nicht in die Richtung, wo ihr die Drohne real fliegen lassen wolltet. Oder noch einfacher: Guckt auf die Drohne, nicht aufs Display, und denkt „Kopf in den Stick“.

Die unterschätzte Gefahr: Return to Home (RTH)

Jeder Anfänger liebt den RTH-Knopf. „Hilfe, wo ist meine Drohne? Egal, ich drück den Knopf, sie kommt zurück.“

Das ist super, aber es gibt einen Haken: Die Rückkehrhöhe.

Stellt euch vor, ihr steht auf einer Wiese, vor euch ein 20 Meter hoher Baum. Ihr fliegt hinter den Baum. Signal reißt ab. Die Drohne löst automatisch RTH aus. In den Einstellungen ist die RTH-Höhe standardmäßig oft auf 15 oder 30 Meter eingestellt.

Die Drohne steigt auf diese Höhe und fliegt schnurstracks zum Startpunkt zurück. Wenn der Baum aber 25 Meter hoch ist und ihr RTH auf 20 Meter eingestellt habt -> *Krach*.

Mein Rat: Stellt die RTH-Höhe vor jedem Flug so ein, dass sie höher ist als das höchste Hindernis in der Umgebung. Ich hab sie meistens auf 50 bis 60 Meter. Sicher ist sicher.

Das Landen

Wenn der Akku bei 20-25% ist, kommt zurück. Reizt es nicht bis 5% aus. Der Wind in 100 Metern Höhe ist oft stärker als am Boden, der Rückweg kann also mehr Energie fressen als der Hinweg.

Zum Landen sucht ihr euch eine ebene Fläche. Schaut auf den Boden – keine hohen Grashalme? Keine Steine? Dann sachte runter. Kurz vor dem Boden bremst die Drohne durch die Bodensensoren oft ab. Bleibt einfach auf dem „Runter“-Stick (linker Stick nach unten), bis die Motoren ausgehen.

Manche Profis fangen die Drohne mit der Hand (Hand-Catching). Lasst das beim ersten Mal. Ernsthaft. Ich hab genug blutige Finger gesehen. Lernt erst mal das saubere Landen auf dem Boden.

Ein letztes Wort zum „Sport Modus“

An fast jedem Controller gibt es einen Schalter: C (Cine), N (Normal) und S (Sport).

Lasst den Schalter auf N. Oder sogar auf C, da reagiert alles noch träger und weicher. Aber meidet den S-Modus beim ersten Mal wie der Teufel das Weihwasser. Im Sportmodus werden bei vielen Drohnen (gerade bei DJI) die Hindernissensoren deaktiviert. Die Drohne wird schneller, aggressiver und sie bremst viel später. Ein Anfänger im Sportmodus ist quasi eine programmierte Bruchlandung.

Fliegen lernen ist keine Wissenschaft, aber es ist Handwerk. Seid geduldig mit euch. Wenn ihr nach dem ersten Akku zitternde Hände habt und schweißgebadet seid: Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt alles richtig gemacht. Das legt sich mit der Zeit. Viel Spaß da oben!